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Reise-Tage

In meinen Reiseberichten kommen immer wieder Haiku vor. Wer sich über diese Form literarischer Augenblicklichkeit oder literarischer Fotografie näher informieren möchte, findet auf www.haiku-heute.de sehr viel zum Lesen.

Und auch auf ein Seminar zum Thema sei verwiesen: Drei Tage mit Haiku in und um Kloster Heiligkreuztal (nahe der Donau). Wir hoffen auf den ersten Schnee: 8.-10.12.2017. Näheres hier.

 

Auf diesen Seiten finden sich Reiseeindrücke in Texten und Fotos.

Fortlaufend ein Blog mit kleineren Texten.
Außerdem einiges Längere.

Viel Freude beim Lesen wünscht Volker Friebel

 

Im Lusam-Gärtlein

Das Grabmal ist übersät mit Lindenblüten. Die stammen vom Baum, der den kleinen alten Friedhof beschattet. Schnittblumen bringen die Liebenden der Stadt. Nie sei der Stein ohne Blumen. Für Walther von der Vogelweide ist er gesetzt.

An den vier Ecken des Quaders sind kreisförmige Vertiefungen. Der Dichter soll verfügt haben, nach seinem Tod täglich die Vögel zu füttern. Wegen seines Namens? Vielleicht eher, weil ein Dichter von den Vögeln am meisten lernt. Elisabeth hat ein paar Brosamen in eine Mulde gegeben. In einer anderen steht ein Rest Regen.

Das Grabmal ist noch nicht alt, das eigentliche Grab unbekannt, hier irgendwo soll es liegen, im Gärtlein oder in der Neumünster-Kirche, durch deren dicke Mauern gerade dunkle Gesänge dringen.

Wir denken an all die vergangene Zeit.

Ist „Tandaradei!“ das berühmteste Wort Walthers oder „Ich saß auf einem Steine“? So viele Vögel singen in den Bäumen Würzburgs, es klingt eher nach „tandaradei“. Moden kommen und gehen, doch auch in den Liedern der Menschen ist nach all den Jahrhunderten die Liebe wichtigstes Motiv.

Der Kaiser hat abgedankt. Ein Lehen für den Dichter vergibt nun der Kaufmann. Wenn dem der Dichter nicht passt, muss der sich zu den Vögeln gesellen. An Liedern wird es nie mangeln. Die singen Menschen und Vögel einfach nur so.

Vielleicht ist es gut, wenn jeder seine eigene Stimme findet. Die Welt ist so groß und so bunt. Vielleicht wollen viele nur lauschen, und den freien Raum füllen dann eben die Sänger und Lieder der Kaufleute.

Gibt das Lehen dem Dichter und Sänger einen Halt, eine Sicherheit oder korrumpiert es ihn nur? Das dürfte auf den Dichter ankommen. Er muss zu singen beginnen. Was für Töne dem ersten Ton folgen, weiß nur der Wind.

So viele nutzlose Gedanken! Ein Spatz flattert her, schnappt einen Schnabel voll Wasser, fliegt über die Mauern davon. Wir schauen uns an.

Grabstein-Walther-von-der-Vogelweide-Wuerzburg

Ins Netz gesetzt: 29.09.2017

 

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Brombeeren kosten auf dem Jakobsweg

Wir sind schon eine Weile unterwegs, Anfang September, auf dem Pilgerweg westwärts, von Irun aus, einem baskischen Städtchen am Bidasoa, dem Grenzfluss zu Frankreich. Sanfte Hügel, die an den Schwarzwald erinnern – und das Meer. Es bringt eine lichte Weite, die auch den Geist weit und den Schritt leichter macht.

Die erste Brombeere, am ersten Wandermorgen in einem Bergwald gepflückt, war sauer. Aber wie der Morgen vergeht und der Tag und die weiteren Tage, werden die Beeren süßer, Hecke um Hecke. Liegt es daran, dass sich unser Geschmack auf das Pilgern einstellt – oder an der vergehenden Zeit und zunehmenden Reife?

Jakobsweg-Spanien-Brombeeren-1

Brombeere – ich schließe die Augen und koste das Wort: brāmberi‚ Dornstrauchbeere, ein Wort aus dem Althochdeutschen. Die Stacheln gehören dazu. Und das Schwarz. Sie bevorzugt Halbschatten oder das Licht, Wegränder im Wald sind ideal.

Besuche von Sonnenstrahlen und Fliegen. Und eines Schmetterlings! Wie viele Pilger hat diese Hecke wohl schon genährt. Ich esse Hand um Hand. Ob manche Hecken für die Pilger gepflanzt wurden? Sie sehen wild aus.

Manchmal wandern wir zu zweit, manchmal mit anderen Pilgern zusammen. Es ist nicht nötig, viel zu reden. Gelegentlich, ja. Ansonsten reichen ein Lächeln und ein Nicken des Kopfes. Ansonsten reicht es, den Atem der anderen zu hören und gelegentlich etwas zu teilen – etwa einen Blick auf das Meer.

Brombeerhecken
zum Meer. In unser Schweigen
Donnern.

Pilgerpfad.
Im Staub liegengeblieben –
eine Brombeere.

[...]

Jakobsweg-Spanien-Brombeeren-2

Ins Netz gesetzt: 27.09.2017

 


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